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kleines Mädchen und kleiner Junge stecken die Köpfe zusammen und tuscheln.

Gendern in der gesprochenen Sprache

Die Sprache hat großen Einfluss darauf, wie wir unsere Welt wahrnehmen. Daher sollte sie auch die Vielfalt unserer Realität wiedergeben. In unserem Blogartikel „Gendern leicht gemacht – 7 Strategien für eine genderinklusivere Sprache“ haben wir uns bereits mit dem Verfassen diskriminierungsfreier Texte befasst. Die Schriftsprache ist allerdings nur ein Bereich, in dem das Gendern eine Rolle spielt. Denn die Sprache begleitet uns auf Schritt und Tritt durch unseren Alltag – und zwar meistens in gesprochener Form. Wie werden Gender-Strategien also in der gesprochenen Sprache umgesetzt?

Weitverbreitet und unkompliziert: Beidnennung

Für die gesprochene Sprache stehen theoretisch dieselben Gender-Varianten zur Verfügung wie in der Schriftsprache; deren Umsetzung kann sich allerdings schwieriger gestalten. Auf eine weitverbreitete Gender-Strategie stößt man zum Beispiel, wenn man Bundeskanzler Scholz einmal genauer zuhört: die Beidnennung. So sprechen er und weitere Politiker:innen in ihren Reden häufig von den „Bürgerinnen und Bürgern“. In der gesprochenen Sprache ist diese Strategie sehr beliebt, da sie sich auch spontan sehr gut anwenden lässt und mehr oder weniger dem entspricht, wie wir gewohnt sind zu sprechen. Selbst wenn man noch nicht so geübt im Gendern ist, fällt es relativ leicht, einem „Ich frage mal die Erzieherinnen…“ ein “und Erzieher“ hinterherzuschieben.

Braucht etwas Übung: neutrale Umschreibung und Substantivierung

Weitere Strategien, die wir im letzten Blogartikel bereits vorgestellt haben, lassen sich ebenfalls gut in die gesprochene Sprache übertragen, etwa die geschlechtsneutrale Personenbezeichnung, die Substantivierung oder die neutrale Umschreibung. In der spontanen Unterhaltung braucht es hier ggf. etwas Übung, da unsere Gehirne noch darauf gepolt sind „Manager“ und „Kunden“ zu sagen, anstatt „das Management“ oder „die Kundschaft“. In vorbereiteten Reden ist diese Strategie hingegen einwandfrei umsetzbar.

Wie spricht man eigentlich Gender-Sternchen und Co. aus?

Aussprache von verkürzten Formen

Mitarbeiter(innen), Schüler/-innen

Schwieriger wird es dann bei schriftlich verkürzten Formen wie Mitarbeiter(innen) oder Schüler/-innen. Diese sind als Abkürzungen gedacht und werden beim Sprechen in der Regel ausformuliert. Heißt es in dem Skript einer Rede also etwa „Sehr geehrte Mitarbeiter/‑innen“, wird daraus in der vorgetragenen Rede „Sehr geehrte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“. Kann die Nennung beider Geschlechter in der Schriftsprache mitunter als störend wahrgenommen werden, fällt dies in der gesprochenen Sprache weniger stark ins Gewicht. Hier steht die höfliche Ansprache im Vordergrund.

Aussprache des Binnen-I

MitarbeiterInnen

Für diese Strategie gibt es zwei unterschiedliche Herangehensweisen in der gesprochenen Sprache. Manche betrachten das Binnen-I ebenfalls als verkürzte Sparschreibung. In diesem Fall ist es auch genauso zu behandeln (Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter). Andere sehen in der Schreibweise mit Binnen-I allerdings eine eigene Form und verzichten beim Sprechen auf eine besondere Hervorhebung des Binnen-I. Sie sprechen es dann ganz einfach wie die weibliche Form (Mitarbeiterinnen).

Formen mit Sonderzeichen: Genderstern, Gender-Gap, Gender-Doppelpunkt

Mitarbeiter*innen, Mitarbeiter:innen, Mitarbeiter_innen

Interessanter wird es bei Formen mit Sonderzeichen, da es sich hierbei explizit nicht um eine verkürzte Form der Beidnennung handelt. Stattdessen sollen Sonderzeichen wie das Sternchen, der Doppelpunkt oder der Unterstrich (Gender-Gap) mit der Zweigeschlechtlichkeit brechen und auch weitere mögliche nichtbinäre Geschlechtsidentitäten repräsentieren. Da stellt sich die berechtigte Frage: Wie spricht man das eigentlich aus?

Gendern mit Glottisschlag

In der gesprochenen Sprache hat es sich mittlerweile weitgehend durchgesetzt, den Gender-Gap etc. durch eine kurze Pause darzustellen, den sogenannten Glottisschlag oder stimmlosen glottalen Plosiv. Gebildet wird der Glottisschlag durch einen kurzzeitigen vollständigen Verschluss der Stimmlippen, der dann plötzlich lautlos wieder gelöst wird.

Für Menschen mit Muttersprache Deutsch ist der Glottisschlag ohnehin ein alter Bekannter: Er ist ein typisches Merkmal der deutschen Sprache. Ein Beispiel aus dem alltäglichen Sprachgebrauch hierfür ist das Wort „Spiegelei“. Hier erfolgt der Glottisschlag zwischen den Wortbestandteilen „Spiegel“ und „Ei“. Die Silben werden nicht aneinandergebunden, sondern das E von „Ei“ erhält einen kurzen Knacklaut, der durch den Glottisschlag entsteht. Ohne diesen Laut würde die Aussprache derjenigen des Worts „Staffelei“ ähneln. Noch deutlicher wird dies am Beipiel des Wortes „vereisen“. Ohne Glottisschlag klingt dies wie verreisen – und erhält sogleich eine ganz andere Bedeutung.

Gendern bleibt ein persönliches Thema

Wie bei so vielen Aspekten des Lebens sind Veränderungen und Neuerungen auch in der Sprache zunächst einmal gewöhnungsbedürftig. Insbesondere dann, wenn es die eigenen Sprachgewohnheiten betrifft und man vielleicht versucht, diese aktiv und bewusst zu verändern. Wie sich zeigt, gibt es noch keine einzig wahre Lösung, denn die Sprache befindet sich in einem ständigen Wandel. Allerdings gibt es verschiedene Möglichkeiten, aus denen man für sich selbst die passende auswählen kann.

Die Diskussionen rund um das Thema Gendern und die Umsetzung einer genderinklusiven Sprache werden weitergehen. Daher lohnt es sich in jedem Fall, die Entwicklung aufmerksam zu verfolgen und für sich eine Strategie zu finden, mit der man sich wohlfühlt.

Und was denken Sie?

Wie halten Sie es mit dem Gendern in der gesprochenen Sprache?

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